8 überraschende Fakten über Unordnung

8 überraschende Fakten über Unordnung

Sabrina Müller
von Sabrina Müller

Vor einigen Wochen stand ich bei einer Kundin in Zürich im Wohnzimmer. Eigentlich wollten wir nur die Kommode im Eingangsbereich organisieren.

Doch schon nach wenigen Minuten hielt sie inne, schaute mich an und sagte lachend:

„Sabrina, ich verstehe einfach nicht, wie so viele Dinge in unser Zuhause gekommen sind.“

Ich musste schmunzeln.

Denn genau diesen Satz höre ich als Ordnungscoach immer wieder. Und ehrlich gesagt habe ich ihn mir selbst auch schon gestellt.

Woher kommen plötzlich all diese Kabel? Warum besitzen wir fünf Scheren – und trotzdem ist nie eine dort, wo wir sie gerade brauchen? Und weshalb fühlt sich Aufräumen manchmal wie eine Aufgabe an, die niemals endet?

Je länger ich Menschen beim Ausmisten und Organisieren begleite, desto klarer wird mir:

Unordnung ist nicht automatisch ein Zeichen dafür, dass jemand unordentlich ist. Oft ist einfach zu viel da.

Und genau deshalb finde ich das Thema so spannend. Denn hinter Unordnung stecken nicht nur Dinge. Es geht um Gewohnheiten, Entscheidungen, Emotionen, Zeit – und manchmal sogar um die Frage, wie wir eigentlich leben möchten.

Hier kommen acht Fakten, die vielleicht auch deinen Blick auf Unordnung verändern.

8 ueberraschende Fakten ueber dein Zeug

1. Unordnung entsteht oft nicht durch fehlende Disziplin

Das ist wahrscheinlich die wichtigste Erkenntnis aus meiner Arbeit.

Viele Menschen glauben, sie müssten einfach konsequenter aufräumen. Sie bräuchten mehr Disziplin oder bessere Routinen.

Doch wenn in einem Zuhause viel mehr Dinge vorhanden sind, als im Alltag gebraucht werden, entsteht automatisch mehr Aufwand.

Mehr Dinge bedeuten mehr Entscheidungen:

Wo gehört das hin?
Brauche ich das noch?
Wo kann ich es verstauen?
Wann habe ich das zuletzt benutzt?
Warum liegt das eigentlich schon wieder hier?

Unordnung ist deshalb häufig kein Disziplinproblem, sondern ein Mengenproblem.

Genau deshalb beginne ich bei meinen Kundinnen und Kunden nicht mit hübschen Boxen. Ich schaue zuerst: Was darf überhaupt bleiben?

Denn erst wenn weniger Dinge verwaltet werden müssen, kann ein Ordnungssystem wirklich entlasten.


2. Wir bewerten Dinge anders, sobald sie uns gehören


Warum fällt Loslassen so schwer?

Eine Erklärung kommt aus der Psychologie: der sogenannte Endowment Effect – auf Deutsch etwa der Besitztumseffekt.

Damit ist vereinfacht gesagt gemeint, dass Menschen Dinge, die ihnen gehören, häufig höher bewerten als vergleichbare Dinge, die ihnen nicht gehören. Forschung bringt diesen Effekt unter anderem mit Verlustaversion und der persönlichen Bedeutung von Besitz in Verbindung.

Und plötzlich versteht man einige typische Sätze beim Ausmisten besser:

„Das war teuer.“

„Das hat mir meine Mutter geschenkt.“

„Vielleicht brauche ich es irgendwann noch.“

„Eigentlich ist es noch gut.“

Der Gegenstand ist längst nicht mehr nur ein Gegenstand.

Er steht vielleicht für Geld, eine Erinnerung, eine Beziehung oder eine frühere Version von uns selbst.

Deshalb ist Ausmisten manchmal emotional.

Und deshalb hilft es selten, jemandem einfach zu sagen: „Dann wirf es doch weg.“

Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, warum Loslassen so schwerfällt, habe ich darüber einen eigenen Artikel geschrieben: Warum fällt Loslassen so schwer

3. Unordnung kann unsere Aufmerksamkeit beeinflussen


Kennst du das?

Du möchtest eigentlich nur kurz eine Rechnung bezahlen. Aber auf dem Tisch liegen noch die Kinderzeichnungen, ein Ladekabel, zwei Briefe und die Trinkflasche.

Nichts davon ist gerade wichtig.

Trotzdem siehst du alles.

Forschung zu visueller Unordnung zeigt, dass eine höhere Dichte an visuellen Reizen die Aufmerksamkeit beeinflussen kann. Studien zur visuellen Suche untersuchen genau diesen Zusammenhang zwischen „clutter“ und der Effizienz, mit der wir relevante Informationen in einer Szene finden.

Das bedeutet nicht, dass jede herumliegende Tasse automatisch Stress verursacht.

Aber es erklärt, warum ein überfüllter Raum sich manchmal anstrengender anfühlt als ein ruhiger.

Unser Zuhause ist schliesslich nicht nur der Ort, an dem wir Dinge aufbewahren. Es ist auch der Ort, an dem unser Blick ständig Informationen aufnimmt.

Und genau deshalb kann weniger manchmal tatsächlich mehr Ruhe bedeuten.

4. Wie dein Zuhause dein Stresserleben beeinflussen kann


Das finde ich besonders spannend.

Eine Studie von Darby Saxbe und Rena Repetti untersuchte 60 berufstätige Paare, die ihr Zuhause beschrieben und zeigten. Die Forschenden betrachteten unter anderem Begriffe, die auf Unordnung oder ein Gefühl von „noch nicht fertig“ hinwiesen, und verglichen diese mit Cortisol- und Stimmungsverläufen. Bei den Frauen der Studie waren stärker als belastend beschriebene Wohnungen mit einem flacheren täglichen Cortisolverlauf und ungünstigeren Stimmungsmustern verbunden.

Wichtig ist dabei: Das ist kein Beweis dafür, dass Unordnung automatisch Stress oder Depression verursacht.

Aber die Studie zeigt etwas Interessantes:

Wie wir unser Zuhause erleben, kann mit unserem körperlichen und emotionalen Erleben zusammenhängen.

Eine weitere experimentelle Studie fand zudem höhere Werte eines physiologischen Stressmarkers, wenn junge Frauen eine chaotische statt einer neutral eingerichteten Wohnsituation erlebten. Auch hier sind die Ergebnisse nicht gleichbedeutend mit „Unordnung macht krank“, aber sie zeigen, dass die Umgebung unser Stresssystem beeinflussen kann.

Ich finde genau diesen Blickwinkel wichtig.

Denn es geht nicht darum, dass deine Wohnung perfekt aussehen muss.

Es geht darum, wie sie sich für dich anfühlt.

5. Mehr Stauraum löst nicht automatisch zu viele Dinge


Das ist ein Klassiker bei meinen Kundinnen und Kunden:

„Wir brauchen einfach einen grösseren Schrank.“

Oder:

„Wir müssen endlich noch ein Regal kaufen.“

Manchmal stimmt das.

Aber häufig liegt das Problem vorher.

Wenn zehn Dinge in einen Schrank passen und plötzlich zwanzig darin stehen, hilft auch ein besseres Ordnungssystem nur begrenzt.

Mehr Stauraum kann sogar dazu führen, dass wir die eigentliche Entscheidung noch ein bisschen länger hinauszögern.

Denn ein grösserer Schrank beantwortet nicht die Frage, welche Dinge wir wirklich behalten möchten.

Deshalb frage ich beim Ausmisten lieber:

Würde ich diesem Gegenstand heute noch einmal einen Platz in meinem Zuhause geben?

Die Antwort darauf ist oft erstaunlich klar.

6. Wir behalten Dinge häufig für ein Leben, das gar nicht mehr unseres ist


Die Brotbackmaschine.

Die Skiausrüstung.

Die fünf Backformen.

Die Bastelsachen.

Die Kleidung in drei Grössen.

Das Geschirr für „wenn wir einmal viele Gäste haben“.

Oder das Fitnessgerät, das uns daran erinnern soll, dass wir eigentlich wieder regelmässig trainieren wollten.

Ich kenne diese Dinge nicht nur aus Kundenschränken. Wir alle können Gegenstände besitzen, die zu einer Vorstellung von uns gehören – nicht unbedingt zu unserem tatsächlichen Leben.

Und genau hier wird Ausmisten interessant.

Es geht nicht nur um:

„Benutze ich das noch?“

Sondern manchmal auch um:

„Passt dieses Ding noch zu meinem Leben, wie es heute tatsächlich aussieht?“

Das ist ein grosser Unterschied.

Denn du musst nicht dein zukünftiges Ich mit all den Dingen ausstatten, die es vielleicht irgendwann einmal brauchen könnte.


7. Unordnung entsteht oft dort, wo Entscheidungen liegen bleiben


Fast niemand wacht eines Morgens auf und denkt:

„Heute mache ich mein Zuhause unordentlich.“

Es passiert Stück für Stück.

Ein Geschenk.

Ein neues Hobby.

Ein Paket.

Kinderkleidung, die eigentlich noch weitergegeben werden sollte.

Ein Kabel, bei dem man nicht weiss, ob man es irgendwann noch braucht.

Eine Schublade, die man schnell wieder zuschiebt.

Und plötzlich sind aus vielen kleinen Entscheidungen sehr viele Dinge geworden.

Genau deshalb ist Unordnung oft so schwer zu erklären.

Die Menge wächst langsam – der Aufwand irgendwann spürbar.

Eine Untersuchung zu Gründen für Haushaltsunordnung fand beispielsweise, dass fehlende Zeit von den Befragten sehr häufig als Grund genannt wurde. Das ist nachvollziehbar: Wenn der Alltag voll ist, bleiben Entscheidungen über Dinge leicht liegen.

Und irgendwann ist die Frage nicht mehr:

„Warum räume ich nicht besser auf?“

Sondern:

„Warum habe ich überhaupt so viel zu verwalten?“


8. Dauerhafte Ordnung beginnt nicht beim Aufräumen


Und damit sind wir bei dem Punkt, der für meine Arbeit als Ordnungscoach entscheidend ist.

Aufräumen und Ordnung schaffen sind nicht dasselbe.

Aufräumen bedeutet: Dinge kommen zurück an ihren Platz.

Ausmisten bedeutet: Wir entscheiden, welche Dinge überhaupt noch bleiben.

Und ein gutes Ordnungssystem bedeutet: Die Dinge, die bleiben, bekommen einen Platz, der zu unserem tatsächlichen Alltag passt.

Genau deshalb reicht es nicht, eine Wohnung einmal gründlich aufzuräumen.

Wenn zu viele Dinge da sind oder das System nicht zum Alltag passt, beginnt das Ganze nach kurzer Zeit wieder von vorne.

Ich sage deshalb gerne:

Ordnung beginnt nicht mit dem Einräumen. Sie beginnt mit dem Loslassen.

Und danach kommt das System.

Nicht irgendein System, das auf Pinterest gut aussieht.

Sondern eines, das für dich funktioniert.

Du möchtest ganz konkret mit dem Ausmisten anfangen? Die 90/90-Regel ist eine einfache Methode, mit der du besonders in der Küche schnell erkennst, welche Dinge du wirklich noch brauchst.

Wenn du wissen möchtest, wo du beim Ordnung schaffen überhaupt anfangen solltest, lies auch meinen Artikel Ordnung schaffen, aber wo anfangen?.


Was ich in über sechs Jahren als Ordnungscoach gelernt habe


Wenn ich heute zu einer Kundin oder einer Familie nach Hause komme, sehe ich nicht zuerst das Chaos.

Ich sehe die Geschichte dahinter.

Die Dinge, die irgendwann einmal wichtig waren.

Die Dinge, die man vielleicht für später gekauft hat.

Die Dinge, die man aus schlechtem Gewissen behalten hat.

Die Dinge, für die im Alltag einfach nie Zeit war.

Und ich sehe sehr oft Menschen, die glauben, sie hätten ein Organisationsproblem.

Dabei haben sie eigentlich ein Entscheidungsproblem.

Solange nicht klar ist, was bleiben darf, kann auch das schönste Ordnungssystem nicht dauerhaft funktionieren.

Deshalb beginnen wir gemeinsam mit Fragen:

Was benutzt du wirklich?

Was erleichtert deinen Alltag?

Was nervt dich jedes Mal, wenn du es siehst?

Was behältst du nur aus Gewohnheit?

Und vor allem:

Was darf gehen, damit wieder Platz für dein heutiges Leben entsteht?

Du bist nicht unordentlich


Wenn du dich in einigen dieser Punkte wiedererkennst, möchte ich dir eines mitgeben:

Du bist nicht automatisch unordentlich, nur weil es bei dir zu Hause manchmal chaotisch aussieht.

Vielleicht hast du einfach zu viele Dinge.

Vielleicht passt dein Ordnungssystem nicht mehr zu deinem Leben.

Vielleicht ist dein Alltag gerade so voll, dass Ausmisten immer wieder ganz unten auf der Liste landet.

Oder vielleicht fällt dir das Loslassen schwer.

All das ist menschlich.

Und genau deshalb geht es bei meiner Arbeit auch nicht darum, Menschen zu einem minimalistischen Zuhause zu bringen.

Es geht darum, gemeinsam herauszufinden:

Was brauchst du wirklich? Was darf gehen? Und welches System macht deinen Alltag leichter?

Denn dein Zuhause sollte nicht jeden Tag neue Aufgaben produzieren.

Damit dein Zuhause dich entlastet statt belastet.

Wenn du dabei Unterstützung möchtest, begleite ich dich als Ordnungscoach in Zürich und der Region – vom Ausmisten und Loslassen bis zum Ordnungssystem, das zu dir und deinem Alltag passt.

👉 Buche hier dein kostenloses Kennenlerngespräch. Ich freue mich darauf, dich kennenzulernen.

Häufige Fragen zu Unordnung

Warum entsteht Unordnung?

Unordnung kann viele Gründe haben: zu viele Dinge, fehlende Zeit, unpraktische Ablageorte, Gewohnheiten oder ein Ordnungssystem, das nicht zum Alltag passt. Häufig kommen mehrere Faktoren zusammen.

Warum fällt Ausmisten so schwer?

Weil Dinge nicht nur einen praktischen Wert haben. Sie können Erinnerungen, Geld, Hoffnungen oder ein Stück unserer Identität repräsentieren. Auch psychologische Effekte wie der Besitztumseffekt können dazu beitragen, dass wir eigene Dinge höher bewerten.

Kann Unordnung Stress verursachen?

Forschung deutet darauf hin, dass die Wahrnehmung eines chaotischen oder unfertigen Zuhauses mit Stress- und Stimmungsmustern zusammenhängen kann. Die vorhandenen Studien erlauben aber nicht die pauschale Aussage, dass jede Unordnung automatisch Stress verursacht.

Hilft mehr Stauraum gegen Unordnung?

Nicht unbedingt. Wenn zu viele Dinge vorhanden sind, kann zusätzlicher Stauraum das Mengenproblem lediglich verstecken. Nachhaltige Ordnung beginnt deshalb häufig mit der Entscheidung, was überhaupt bleiben soll.

Wo sollte ich beim Ausmisten anfangen?

Am besten dort, wo dich die Unordnung im Alltag am meisten belastet. Eine Schublade, ein Küchenschrank, die Garderobe oder das Badezimmer sind oft bessere Startpunkte als sofort der gesamte Keller.


Mein Fazit


Unordnung ist selten einfach nur ein Problem mit herumliegenden Dingen. Oft steckt viel mehr dahinter: zu viele Dinge, aufgeschobene Entscheidungen, Gewohnheiten oder ein Ordnungssystem, das nicht mehr zum eigenen Alltag passt.

Deshalb beginnt nachhaltige Ordnung für mich nicht mit der Frage:

„Wo räume ich das hin?“

Sondern mit:

„Was soll überhaupt bleiben?“

Denn erst wenn wir loslassen, was wir nicht mehr brauchen, können wir ein Ordnungssystem schaffen, das wirklich zu uns und unserem Alltag passt.

Und genau darum geht es bei meiner Arbeit: nicht darum, möglichst wenig zu besitzen oder ein Zuhause zu schaffen, das perfekt aussieht. Sondern darum, Platz für das zu schaffen, was dir wichtig ist – und dein Zuhause so zu gestalten, dass es dich im Alltag unterstützt.

Damit dein Zuhause dich entlastet statt belastet.

Quellen

Saxbe, D. E. & Repetti, R. L. (2010): No Place Like Home: Home Tours Correlate With Daily Patterns of Mood and Cortisol. Die Studie untersuchte den Zusammenhang zwischen der Wahrnehmung des eigenen Zuhauses, Cortisolmustern und Stimmung.

Bodrij, F. F. et al. (2021): The causal effect of household chaos on stress and caregiving: An experimental study. In einem Experiment wurde ein Zusammenhang zwischen einer chaotischen Wohnumgebung und einem physiologischen Stressmarker untersucht.

Morewedge, C. K. & Giblin, C. (2015): Explanations of the Endowment Effect: An Integrative Review. Überblick über den psychologischen Besitztumseffekt – also die Tendenz, eigene Besitztümer höher zu bewerten.

Rosenholtz, R., Li, Y. & Nakano, L. (2007): „Measuring visual clutter“, Journal of Vision, 7(2), 17.

Die Forschenden untersuchten, wie visuelle Unordnung („visual clutter“) die visuelle Suche und Wahrnehmung beeinflusst. Sie fanden unter anderem, dass eine höhere visuelle Unordnung mit grösseren Schwierigkeiten bei der visuellen Suche und der Segmentierung einer Szene zusammenhängt.




Sabrina Müller
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